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Über  Philippe Claudel

Der französische Schriftsteller, Filmemacher und Dramaturg Philippe Claudel – nicht zu verwechseln mit seinem im vorigen Jahrhundert berühmten Namensvetter Paul Claudel – wurde 1962 in Dombasle-sur-Meurthe in Lothringen geboren, wo er auch heute noch mit Frau und Tochter lebt.

„Romane schreiben, Stücke inszenieren, Filme drehen, dieser Mann kann alles.“ So stellte Écoute, das Sprachmagazin zum Französischlernen, den Tausendsassa Philippe Claudel dem deutschen Publikum vor einem Jahr vor. Zu recht. Joseph Hanimann, der Literaturkritiker der FAZ, charakterisiert ihn als den „wahrscheinlich interessantesten Autor seiner Generation in der französischen Gegenwartsliteratur“.

Seit dem Beginn seiner Karriere mit dem Erstlingsroman Meuse l’oubli im Jahr 1999 (dt. Flore, 2007) hat Philippe Claudel zehn weitere Romane geschrieben, von denen einige bereits heute als Klassiker gelten. Dazu zählen z.B. Les âmes grises (2003; dt. Die grauen Seelen, 2004), ein Roman, der mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet und inzwischen in 30 Sprachen übersetzt wurde (darunter auch ins Chinesische, Japanische, Taiwanesische, Isländische, Türkische …). Oder auch der nach einhelliger Meinung bisher größte Wurf Philippe Claudels, der 2007 erschienene Roman Le rapport de Brodeck (dt. Brodecks Bericht, 2009), der auch jüngere Leser in seinen Bann zieht.
Die Texte Philippe Claudels lesen sich teils wie spannende Kriminalromane und handeln dabei doch auf unaufdringliche Weise von den großen Fragen, die die Menschheit bewegen, wie z.B. Liebe, Trauer, Schuld, Verantwortung, Erinnern und Vergessen, Dazugehören und Fremdsein. Darüber hinaus finden sich in vielen seiner Texte immerwiederkehrende Motive wie Natur- und besonders Pflanzensymbolik, die Motivik des Wassers, des zweifelnden Priesters, Wechselbeziehungen zwischen Schreiben und Lesen, Zeugnisablegen und Erinnerungsarbeit.
Philippe Claudel beruft sich hinsichtlich seines poetisch anmutenden Prosastils explizit auf den Einfluß von Aloysius Bertrand, der mit dem Gedichtzyklus „Gaspard de la nuit“ (1832) die ersten Prosagedichte schrieb. Auch die häufig an die Literaturströmung des fantastischen Realismus erinnernden Textpassagen lassen diesen Einfluß erkennen.

Seit einigen Jahren hat sich Philippe Claudel auch als Drehbuchautor und Filmregisseur einen Namen gemacht. So schrieb er zeitgleich mit seinem Roman Die grauen Seelen das Drehbuch für den gleichnamigen Film. So viele Jahre liebe ich dich, sein erster eigener Film, erhielt 2008 im Hauptwettbewerb der Berlinale den Preis der Internationalen Ökumenischen Jury und in Frankreich den Preis für den besten Erstlingsfilm. 2011 kam sein zweiter Film, Tous les soleils, ins französische Kino.

Schließlich hat Philippe Claudel inzwischen auch zwei Theaterstücke geschrieben (Parle-moi d’amour, 2008; Le paquet, 2010), die mit großem Erfolg in Paris jeweils über mehrere Monate gespielt wurden. Das Ein-Personen-Stück Le paquet [Das Paket], ein 80minütiger Monolog darüber, was die heutige Gesellschaft dem einzelnen antut, wurde von Philippe Claudel für den bekannten französischen Schauspieler Gérard Jugnot auf den Leib geschrieben und von ihm selbst inszeniert.

Philippe Claudel wird bei den am Wochenende des 12. und 13. November 2011 stattfindenden Veranstaltungen zugegen sein.

 


Über Michaela Heinz

Michaela Heinz (Erlenbach am Main) hat mit Philippe Claudel in Deutschland im Laufe der letzten Jahre mehrere Leseabende bestritten (in Erlangen, Nürnberg, Frankfurt, Miltenberg). Von ihr stammt die deutsche Übersetzung (u.d.T. Flore, 2007) des ersten Romans von Philippe Claudel (Meuse l’oubli, 1999) sowie die deutsche Fassung von „Emelias Klagelied“ im Roman Brodecks Bericht.
Die Idee zu 9 Tage für Philippe Claudel  ist aus freundschaftlicher Verbundenheit heraus entstanden. Die Veranstaltungsreihe möchte das Werk Philippe Claudels dem deutschen Publikum noch näher bringen.
Michaela Heinz wurde an der Universität Erlangen im Fach Angewandte Sprachwissenschaft (Schwerpunkte: Französische Wörterbuchforschung, Literarisches Übersetzen) habilitiert und lehrt am dortigen Institut für Romanistik als Privatdozentin. Im Sommer 2004 organisierte sie erstmals die seitdem alle zwei Jahre in Klingenberg am Main stattfindenden „Journées allemandes des dictionnaires“ (Internationale Fachtagung in französischer Sprache zur Wörterbuchforschung).

Für Ihre Verdienste um die Vermittlung der französischen Sprache und Kultur in Deutschland wurde Michaela Heinz im Frühjahr 2011 der französische Orden der „Palmes académiques“ im Rang des Ritters (Chevalier) verliehen.

Der Baum war unversehrt. Was das neue Automobil betraf: es gab kein Geräusch mehr von sich. Seine Front hatte sich der Form des Stammes angepasst, es schmiegte sich wie zum Schutz um ihn herum. Es rauchte noch etwas. Der Tag war immer noch sehr schön. Im Geäst sang eine Amsel ein fröhliches Lied.

Ph. Claudel, “Alles Gute zum Geburtstag, Monsieur Framottet!”. Garde à vue = In Gewahrsam, dtv, 2005, S. 49

Letzte Änderung: 22.10.2011